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Steuern hoch, Zucker runter?

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14. März 2018 von Jürgen Dollase /// aus: Eat, Drink, Think

Die Briten fangen schon mal an, haben das Problem aber anscheinend noch nicht ganz begriffen
Die Bemühungen um eine gesunde Ernährung sind in Großbritannien schon seit Jahren in einem recht konkreten Stadium. Das lag und liegt sicher nicht zuletzt an Jamie Oliver und z.B. seiner Kampagne für eine bessere Schulverpflegung. Welche Probleme es damit gab, konnte die ganze Welt an den Bildschirmen verfolgen: da gab es dann Mütter, die ihren armen, kleinen, „unterernährten“ Sprösslingen in der Pause noch schnell ein paar Snacks über den Zaun reichten.

Nun aber ist es soweit. Im Frühjahr soll es die ersten zusätzlichen Steuern auf stark gesüßte Getränke geben, und besonders intensive Energy-Drinks sollen – noch auf freiwilliger Basis – nicht mehr an Jugendliche unter 16 Jahren verkauft werden. 

Die GB-Ableger von ALDI und LIDL wollen sich daran beteiligen. Es gibt noch eine Reihe weiterer Maßnahmen, darunter auch die Aufforderung einer staatlichen Gesundheitsorganisation an Hersteller von Nahrung von der Industrie bis zu Fast Food, den Kaloriengehalt ihrer Produkte deutlich zu senken. So etwas hört man mit Interesse, fragt sich aber gleichzeitig, ob der Griff in die Gefährdungsabteilung (also Zucker, Fette, Kalorien etc.) nicht das Problem abermals nur von den Symptomen, nicht aber von der Wurzel her angeht.

Das Steuerspiel ist nicht uninteressant
Zuerst aber fasziniert einmal die Idee, per unterschiedlicher Besteuerung neue Gewichte zu setzen. Erinnern wir uns: Bei uns gibt es neben einem ermäßigten Mehrwertsteuersatz für die meisten Nahrungsmittel auch eine Art kulinarische Luxussteuer auf Hummer, Kaviar und Co. Das ließe sich natürlich variieren. Lassen Sie uns einmal mit ein paar Gedanken spielen. Man könnte zum Beispiel zur Förderung des eigenen Kochens mit frischen Produkten die Mehrwertsteuer für Frischprodukte ganz streichen, dafür aber die für Fertiggerichte deutlich erhöhen – vielleicht stufenweise in dem Maße, wie man dort durch Geschmacksverstärker, Konservierungsmittel und Co. vom natürlichen Geschmack abweicht. Danach wären dann z.B. Fertiggerichte in Dosen nicht die billigsten, sondern eher teure Lebensmittel. Mit diesem Gedanken würde so etwas wie ein Weg gegen die Verbreitung industrieller Geschmacksbilder eingeschlagen. Man könnte auch – etwa bei Fast Food – den Anteil an Würzmitteln zur Grundlage einer höheren Besteuerung machen. Ziel müsste es sein, durch eine variable Besteuerung nicht nur das teurer zu machen, was unter gesundheitlichen Aspekten zuviel Zucker oder Fett etc. enthält, sondern auch industrielle Geschmacksbilder, die einer Förderung einer möglichst gesunden und natürlichen Ernährung entgegenstehen. Es wäre ein Eingriff in die längst zu beobachtende Manipulation des Kundengeschmacks, ein Eingriff gegen abhängig machende, überwürzte Geschmacksbilder.

Der Ansatz greift zu kurz. Im Grunde geht es um den überwürzten industriellen Geschmack.
Der Ansatz greift also zu kurz, weil das eigentliche Problem größer ist, als die Frage von zu viel Zucker oder zu viel Fetten. Es geht um den Geschmack ganzer Generationen, um die Frage, ob man weiter einen Weg in kulinarische Kunstwelten beschreiben will, oder ob man rund um die Ernährung ein möglichst hohes Maß an Natürlichkeit erhalten will. Will man diese Zusammenhänge in der Politik nicht wahrhaben oder überblickt man die Situation einfach noch nicht? Vermutlich beides, vielleicht auch weil man spürt, dass es dabei wirklich ans Eingemachte gehen könnte. Und das „Eingemachte“ wäre zum Beispiel ein großer Teil der bürgerlichen Küche, nämlich jener, der rigoros mit Fertigprodukten industrieller Herstellung arbeitet und ein populäres, aber komplett produktfernes Geschmacksbild zusammenbastelt. Auch Brauhäuser kämen da teilweise in Reichweite, der Lieblingsitaliener an der Ecke, viele asiatische Restaurants, diverse Restaurantketten usw. usf. Attacken in diese Richtung werden heute selbst von Organisationen wie Slow Food noch weitgehend vermieden, weil sie den Ruch haben, der „ganz normalen Bevölkerung“ ihr Lieblingsessen zu vergraulen. Dabei geht es gar nicht um mittelschichtige Gutesser-Küche, sondern um eine notwendige Reformierung von industriellen Einflüssen, die sich wie eine Krake in der gesamten kulinarischen Landschaft ausgebreitet haben. Es geht nicht um Luxusessen, es geht um nichts anderes als gutes, sauberes, ökologisch vertretbares, individuell sinnvolles Essen. Das muss die Richtung sein, und auf dem Weg dort hin reicht es nicht, ein wenig an den Symptomen herumzudoktern. Zucker runter? Na gut, dann nehmen wir eben Austauschstoffe, und den Eindruck von Fett wird man wohl in den Labors auch noch irgendwie hinkriegen. Man sollte auf den Punkt kommen. Alles andere ist Kosmetik.

 
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